Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes


Amt für Neckarausbau Heidelberg

Hier gelangen Sie direkt zum Inhalt der Seite.

 

Hauptnavigation:


Inhalt: Mark Twain auf dem Neckar im Jahre 1878

Kettenschleppschiff in Heilbronn

Mark Twain, der Autor von „Tom Sawyers Abenteuer“ und „Huckleberry Finns Abenteuer“, hat 1878 den Neckar zwischen Heilbronn und Heidelberg zu Fuß und mit dem Floß bereist und dies in seinem Buch „A Tramp Abroad“ beschrieben. Mark Twain war auch Lotse auf dem Mississippi, bevor er Schriftsteller wurde.

Kettenschleppschifffahrt im Heilbronn

 

Mark Twain auf Neckartour

 

 

 

 

 

Mark Twain, 1880: A tramp abroad, Mark Twain illustriert von W. Fr. Brown, True Williams, B. Day und anderen

 

Auszüge aus dem Buch:


Die „Zeilen“ (Leitdämme)
Wenn der Neckar an solchen (schmalen) Stellen auch noch stark gekrümmt ist, muß der Flößer eine ziemlich saubere Steuermannsarbeit leisten, damit er um die Ecken kommt. Nicht immer darf sich der Fluß in seinem ganzen Bett ausdehnen – das bis zu dreißig und manchmal vierzig Yards breit ist -, sondern Steindämme teilen ihn in drei gleiche Wasserläufe und leiten die größte Wassermenge und -strömung in den mittleren Lauf. Bei Niedrigwasser ragen diese gut erhaltenen, schmalen Dämme vier oder fünf Zoll über den Wasserspiegel hinaus, wie der First eines versunkenen Daches, aber bei Hochwasser werden sie überflutet. Eine Mütze voll Regen verursacht im Neckar Hochwasser und ein Zuber voll führt eine Überschwemmung herbei.


Auf dem Floß
Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit, aber niemand hat das höchste Ausmaß dieser sanften und friedvollen Schönheit begriffen, wirklich wahrgenommen und genossen, der nicht auf einem Floß den Neckar hinab gefahren ist. Die Bewegung des Floßes ist gerade die richtige; sie ist träge, gleitend, sanft und geräuschlos; sie beruhigt alle fiebrige Betriebsamkeit, schläfert alle nervöse Hast und Ungeduld ein; unter ihrem beruhigenden Einfluß schwindet jeglicher Ärger, Verdruß, Kummer, der den Geist quält, und das Leben wird zum Traum, ein Zauber, eine tiefe und stille Verzückung.


Der Kettendampfer
Gegen Mittag hörten wir den begeisterten Ruf: „Schiff ahoi!“ Wir rannten nach vorn, um das Fahrzeug zu sehen. Es war ein Dampfer – denn im Mai hatte man begonnen, einen Dampfer neckaraufwärts verkehren zu lassen. Es war ein Schlepper, und zwar einer von sehr merkwürdigem Bau und Aussehen. Ich hatte ihn oft vom Hotel aus beobachtet und mich gefragt, wie er wohl angetrieben werde, denn offenbar besaß er keine Schraube oder Schaufeln.

Jetzt kam er dahergeschäumt, machte eine Menge Lärm verschiedener Art und steigerte ihn ab und zu noch dadurch, daß er ein heiseres Pfeifen ertönen ließ. Er hatte hinten neun Kähne angehängt, die ihm in langer, schmaler Reihe folgten. Wir begegneten ihm an einer engen Stelle zwischen Dämmen, und in dem schmalen Durchgang war kaum Platz für uns beide. Während er schnaufend und stöhnend vorbeifuhr, entdeckten wir das Geheimnis seines Antriebs. Er fuhr nicht mit Radschaufeln oder Schraube flußaufwärts, er schob sich dadurch hinauf, daß er sich an einer großen Kette vorwärts zog. Diese Kette ist im Flußbett verlegt und nur an den zwei Enden befestigt. Sie ist sechzig Meilen lang. Sie tritt durch den Bug des Schiffes ein, dreht sich um eine Trommel und wird achtern wieder ausgesteckt. Der Dampfer zieht an dieser Kette und schleppt sich dadurch flussaufwärts oder -abwärts. Genau genommen hat er weder Bug noch Heck, denn er hat an jedem Ende ein Steuerruder mit langem Blatt und wendet niemals. Er gebraucht dauernd beide Ruder, und sie sind so stark, daß er trotz des starken Widerstandes der Kette nach rechts und links abbiegen und um Krümmungen herumsteuern kann. Ich hätte nicht geglaubt, daß man diese unmögliche Sache ausführen könnte; aber ich habe sie ausführen gesehen, und daher weiß ich, daß es ein unmögliches Ding gibt, das man vollbringen kann.


Quelle: Mark Twain, Werke in neun Bänden, Band 6, Bummel durch Europa, deutsch Ana Maria Brock, Carl Hanser-Verlag, 1977.

Quelle: Kompendium der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest, Mainz 2007